Was ist eigentlich das Leben?

Veröffentlicht auf von Anneliese


wiese2.jpg

Einmal zur Mittagszeit wurde es still am Waldrand. Alles ruhte. Da streckte plötzlich der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: "Was ist eigentlich das Leben?" Alle waren über diese Frage betroffen und wurden nachdenklich. Die Heckenrose entfaltete ihre Knospe und sprach: "Das Leben ist Entwicklung". Der Schmetterling flog von Blume zu Blume und naschte da und dort. "Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein". Die Ameise schleppte einen zehnmal größeren Strohhalm und bemerkte: "Das Leben ist nichts anderes als Mühsal und Arbeit." Die Biene aber ergänzte nach einer honighaltigen Blume: "Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen." Der Maulwurf hob den Kopf aus der Erde und brummte: "Das Leben ist ein Kampf im Dunkeln." Es hätte fast Streit gegeben, wenn nicht der Regen dazwischengekommen wäre: "Das Leben", sagte er, "besteht aus Tränen, nichts als Tränen." Er zog weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen gegen die Felsen und stöhnten: "Das Leben ist stets vergebliches Ringen nach Freiheit." Hoch oben zog der Adler seine Kreise und frohlockte: "Das Leben ist nur ein Streben nach oben." Die Weide am kleinen See aber meinte: "Das Leben ist ein sich Neigen unter eine höhere Macht." Mit der Nacht kam auch der Uhu und krächzte in die Stille: "Leben heißt die Gelegenheit nützen, wenn andere schlafen." Es wurde still am Waldesrand. Spät aber kam ein junger Mann, müde vom Tanzen und Trinken: "Das Leben ist ständiges Suchen nach Glück und eine lange Kette von Enttäuschungen, wie heute Abend." Dann schlief er ein. Bald aber erwachte die Morgenröte in ihrer vollen Pracht und strahlte in alles Leben: "Das Leben ist stetes Beginnen und Anbruch der Ewigkeit."

Veröffentlicht in Philosophie

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post